Veröffentlicht in Kreativität

Ich räume auf

Ich räume mein Google-Docs-Konto auf, und dabei finde ich in und wieder Schreibproben, die ich angefertigt habe. Weil ich keinen besseren Platz habe, lege ich sie hier ab:

Nr. 1:

Es war nur ein Gefühl gewesen, eine körperliche Wahrnehmung, die für einen Bruchteil von Sekunden von den Füßen aufwärts tief durch meine Knochen fuhr und mich daran erinnerte, wie ich auf dem Pink Floyd-Konzert trotz Ohrenschützern der Klasse vier jedes Zupfen der Bassgitarre im Brustkorb gespürt hatte. Doch das Knacken, das ich trotz des lauten Tosens der Wassermassen wahrgenommen hatte, war körperlich so erschütternd gewesen, dass ich für einen Augenblick in der Vorwärtsbewegung verharrte und die Luft anhielt. Als ob die zusätzlichen neunzig Kilogramm für den zwei Kilometer langen Staudamm unter mir von Bedeutung gewesen wären. Unter normalen Umständen hätte ich es mit Erleichterung aufgenommen, nicht der Tropfen gewesen zu sein, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Beim Anblick der schäumenden Wellen, die auf mich zu rasten, war dies jedoch kein Trost für mich.

Nr. 2:

Kalte, müde Einöde tat sich vor ihren Augen auf. Sie stapfte lustlos durch das kniehohe Weiß. Weiß, so weit das Auge blicken konnte. Sonst nichts. Keine Bäume, keine Einschnitte, keine Bächlein, die es unterbrachen. Weit vor ihr fiel das Weiß scheinbar ab, doch sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es nicht einfach nur zu weit weg war, um vom Auge noch klar erkannt zu werden. Vielleicht ging es gerade so weiter.
Sie stapfte weiter, ziellos. Es war erstaunlich, mit welcher Kraft sie einfach weitermachte, nicht anhielt, nicht einmal überlegte, ob es etwas bringen könnte, in eine andere Richtung zu laufen. Sie wusste nicht einmal, ob sie die Richtung nicht automatisch änderte, z.B. dem Lauf der Sonne folgte oder irgendwie krumm und schief lief. Es gab keinen Anhaltspunkt, nichts, an dem man sich hätte orientieren können. Es war die blanke, nackte Eiswüste, die sie durchquerte. Und doch schritt sie hindurch, als ob vor ihr Markierungen auf dem Schnee wären und ihr Ziel in greifbarer Nähe.
Sie trug einen dicken, braunen Wollmantel, viel dunkler, als ihr in Schneckenlocken fallendes Haar es war. Hin und wieder strich sie eines der hinausfallenden Locken aus dem Gesicht, aber sie fielen doch wieder hinaus und versperrten ihr die Sicht. Nichts hinderte sie daran, trotzdem weiter zu gehen, Schritt um Schritt. Nur das Geräusch ihres Atems und der weiße Dunst vor dem Gesicht verrieten, dass sie menschlich war. Ihre energischen Schritte, ihr Tunnelblick, ihre Entschlossenheit hätten vermuten lassen, dass sie es nicht war. Aus einiger Entfernung hätte jeder geschworen, dass sie eine Maschine war. Aber sie war es nicht. Sie war aus Fleisch und Blut und hatte Gefühle.
Ihre Zehen mussten taub sein. Die dicken Stiefel reichten bis knapp unters Knie, jede Menge des dicken, knarzigen Weiß hatten sich schon an der Öffnung hineingepresst und einen weißen Kranz gebildet. Wenn sie ihre Beine kraftvoll aus dem Schnee zog, fielen einige Brocken ab und verrieten, welche Farbe die Stiefel wirklich hatten. Immer weiter, immer geradeaus, immer auf das nicht vorhandene Ziel steuerte sie zu.

Nr. 3:

LA war die Hölle, oder doch zumindest ein Sumpfloch. Wer sich den Mittelpunkt der Weltfilmindustrie verträumt, malerisch, romantisch und verklärt vorstellt, war noch nie in dieser aus Smog und Dreck und Abfall bestehenden Saugglocke von Träumen und Visionen gewesen. Sie reisen hierher, verehren es wie manch andere Mekka, Rom oder Jerusalem verehren. Dabei ist diese Stadt einfach nur eine Ansammlung billiger Bauten, die auf Geröll und Abfall vergangener Generationen errichtet wurden. Und wie keine andere Stadt, saugt LA die Träume und Wünsche so vieler Menschen auf, nur um sie unverdaut herauszufurzen. Warum es gerade mich dort hin verschlug, kann ich nicht wirklich beantworten.

Alles fing damit an, dass ich ein super Leben hatte. Einen Mann mit ordentlichem Gehalt, zwei schöne und kluge Kinder und ein Liebesleben, das manche Menschen nur aus Romanen kannten. Und dann kam eines Tages ein LKW und zerpflückte diesen Traum des perfekten Lebens, und meinen Mann in seinem Smart for two gleich dazu.

Zwar hatte ich irgendwann in meinem Leben studiert, jedoch nie abgeschlossen. Ich war weit gekommen mit dem Studium und es fehlte eigentlich nur ein ganz, ganz, ganz klein bisschen was, um mich dann Dipl.-Psych. schimpfen zu können. Dieses ganz, ganz, ganz klein Bisschen gönnte mir die Uni aber nicht. Es hieß, ich müsse jetzt nochmal von vorne beginnen. Ich zeigte ihnen den Vogel und heulte erstmal sieben Tage. Ein Leben mit Hartz IV und als Ein-Euro-Jobber war nicht Bestandteil meines Lebensplanes gewesen.

Das Schicksal meinte es jedoch gut mit mir. Die Götter wiesen mir gen Westen, genau genommen nach Frankreich. Dort war man so nett und kulant und der Meinung, ich hätte doch genug studiert im Leben. Sie luden mich ein, umwarben und umgarnten mich, flüsterten mir mit süßen Zungen und vollmundigen Worten, ich möge doch ins Land der Gourmets, der Haute Couture und des Savoir-Vivre kommen. Man würde mich mit offenen Armen empfangen. Das taten sie dann wirklich.

Und wie nett sie waren, die Franzosen. Sie gaben mir einen Abschluss, eine Möglichkeit zur Arbeit und eine Zukunft. Ich dafür gab meinen alten Pass her und nahm den ihren an. So vollzog ich einen Wandel, den nicht einmal der Herr und mein Mann in ihren kalten Gräbern für möglich gehalten hätten. Ich hatte sie nicht um Erlaubnis gefragt.

Und so lebte ich schön und gut, bis eines Tages der Chef der psychiatrischen Abteilung, in der ich arbeitete, eine Klinikpartnerschaft mit einem Suchtzentrum irgendwo inmitten des nordamerikanischen Urwalds einging. Wir tauschten uns kräftig aus: nette Bilder, Weinflaschen und Psychotherapeuten. Ich war dabei.

So verkaufte ich Haus und Hof, schnappte meine zwei Kinder und flog mit Sack und Pack nach Detroit in Michigan. Wir verbrachten dort eine Woche, dann wurde die Klinik wegen Maden im Essen und mehreren ungeklärten Todesfällen geschlossen. Na toll!

Eine Rückkehr ging nicht. Mein Chef konnte den netten amerikanischen Kollegen nicht wieder nach Hause schicken. Schließlich war die Klinik ja geschlossen worden. Und ich? Das telefonische Schulterzucken stürzte mich in eine tiefe Krise. Und ich hatte sogar ihren Pass angenommen…

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2 Kommentare zu „Ich räume auf

    1. Danke. Wenn ich meine eigenen Schreibproben so lese, denke ich manchmal, dass doch noch nicht alle Hoffnung verloren ist … 😉

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